Kiefergelenkserkrankungen
Das Kiefergelenk ist das meist benutzte Gelenk des Körpers; nicht nur bei Abbeißen und Kauen, sondern auch beim Sprechen und Schlucken ist es in Bewegung und so lange es reibungslos funktioniert, nehmen wir das Kiefergelenk nicht wahr - erst wenn es beim Kauen knackt und knirscht und zu Beschwerden führt, rückt seine Bedeutung ins Bewusstsein. Eingeschränkte Mundöffnung und Schmerzempfinden beim Kauen mit oder ohne Geräusche (Knacken, Reiben) im Kiefergelenk können auf eine Funktionsstörung im Kiefergelenk hinweisen, dem so genannten temporomandibulären Schmerzsyndrom. Diese Störung kann langfristig sogar zu Verschleißerscheinungen am Kiefergelenk (Arthrose) führen. Die Ursachen für diese und eine Reihe weiterer Krankheitszeichen im Kopf-, Nacken- und Schulterbereich können in einer Über- oder Fehlbelastung der Kaumuskulatur und der Kiefergelenke liegen infolge Zähneknirschen durch übermäßigen Stress, Fehlstellung des Bisses, fehlerhafte Zahnkontakte und reduzierter Zahnbestand (fehlende Abstützung im Backenzahnbereich) sein. Außerdem können auch traumatische Ereignisse, wie ein Schlag auf den Unterkiefer, ein Schleudertrauma und lang andauerndes Mundöffnen beim Zahnarzt zu den oben beschriebenen Beschwerden führen.
Diskusverlagerung:
Im Kiefergelenk befindet sich eine Knorpelscheibe (Diskus, ähnlich dem Meniskus im Knie), die bei der Mundöffnung regelrecht mitgleitet. Nun kann es infolge Überbelastung der Bandstrukturen zum Verrutschen des Diskus nach vorn (anterior), nach innen (medial) und nach hinten (dorsal) kommen. Tritt bei der Mundöffnung ein Knackgeräusch auf so handelt es sich häufig dabei um ein Phänomen, welches bei der inkompletten Verlagerung entsteht. Man spricht dann von Diskusverlagerung mit Reposition („rutscht immer wieder zwischen Gelenkköpfchen und Gelenkpfanne zurück“). Kommt es zur Mundöffnungsbehinderung so besteht der dringende verdacht einer Diskusverlagerung ohne Reposition.
Diagnostik:
Klinische Funktionsanalyse, Rö-Diagnostik und Kiefergelenks-MRT, ggf. Arthroskopie
Behandlungskonzept:
Im Vorfeld führen wir eine Arthroskopie (Kiefergelenksspieglung) durch zur Diagnosesicherung kombiniert mit einer Lavage (Kiefergelenksspülung). Dadurch können Verwachsungen vom Diskus gelöst werden (Lösen der Knorpelscheibe) und Entzündungszellen aus der Kiefergelenkskammer ausgespült werden. Diese Prozedur reduziert häufig die Schmerzsymptomatik und erleichtert die Aufbissschienentherapie (s. u.).
Bei der Diskusverlagerung mit Reposition wird zunächst eine Aufbissschienentherapie für ca. 6 Monate eingeleitet begleitet durch manuelle Therapie in Zusammenarbeit mit einem auf Kiefergelenksphysiotherapie spezialisierten Physiotherapeuten.
Bei der Diskusverlagerung ohne Reposition sind die Beschwerden im Sinne von Schmerzen bei Sprechen, Kauen und Mundöffnungsbehinderung von entscheidender Rolle um die richtige Therapiewahl zu treffen. Bei leichten bis mittleren Beschwerden wird ebenfalls eine Aufbissschienentherapie mit manueller Therapie eingeleitet mit dem Ziel die Lage des Diskus zu verbessern. Bei ausgeprägten Beschwerden mit hohem Leidensdruck bevorzugen wir einen chirurgischen Behandlungsansatz. Dabei wird der Diskus in seine anatomisch korrekte Position gebracht und am ursprünglichen physiologischen Ort befestigt, damit ein regelrechtes gleiten des Diskus wieder ermöglicht wird (Mini-Anker-Methode).
Bei der akuten Diskusverlagerung führen wir eine Diskusreposition (Knorpelscheibe wird in die korrekte Lage gebracht) in Vollnarkose durch und gliedern eine Aufbissschiene ein. Anschließen erfolgt ebenfalls eine manuelle Therapie begleitend.
In allen oben genannten Fällen werden harte und krustige Nahrungsmittel untersagt und zusätzlich medikamentöse Schmerztherapie verabreicht.
Spezielle Physiotherapie im Vital Center des Paracelsus-Krankenhauses Ruit:
Spezialisierte Physiotherapeuten/innen im Vital Center haben kontinuierliche Weiterbildungen absolviert und bereits viele Patienten in enger Zusammenarbeit mit uns behandelt. Diese Erfahrungen in der Behandlung dieses komplexen Krankheitsbildes sind außerordentlich hilfreich.
- Reduktion der Schmerzen, Verbesserung der Gelenksfunktionen und Behebung von muskulären Dysbalancen durch manuelle Therapie
- Koordinationsschulung, Körperwahrnehmung
- passive und aktive Entspannungstechniken
- Lösen von muskulären Dysfunktionen, Spannungsverminderung, Dehnungen, spezielle intra- und extraorale Weichteiltechniken, z. B. Triggerpunktbehandlungen
- Physikalische Maßnahmen, wie Elektrotherapie, Wärme und Kälte Informationen, Aufklärung über Ursachen und Bewältigungsstrategien der Beschwerden
Arthrose des Kiefergelenks:
Wie bei allen anderen Gelenken kann auch das Kiefergelenk verschleißen und mit der Zeit eine Arthrose entwickeln. Arthrose ist eine schmerzhafte Verschleißerkrankung der Gelenke. Gelenkverschleiß wird meist durch eine mechanische Abnutzung der knorpeligen Gelenkflächen hervorgerufen; die sich dann in Schmerzen und Bewegungseinschränkungen am betroffenen Gelenk zeigen. Der Gelenkknorpel wird mit der Zeit dünner und die zerstörten Knorpelzellen begünstigen eine Entzündung der Gelenkinnenhaut. Bei fortschreitendem Prozess kann der Knorpelbelag vollständig zerstört sein und eine knöcherne Deformierung des Gelenks hervorrufen (Arthrosis deformans). Zunächst zeigt sich eine Arthrose durch uncharakteristische Beschwerden, die von den Betroffenen als ziehende und ausstrahlende Schmerzen wahrgenommen werden; besonders dann unangenehm, wenn das Gelenk nach einer Ruhepause bewegt wird (Anlaufschmerz). Im späteren Verlauf der Krankheit kommt es zu einem Belastungsschmerz und ein Dauerschmerz ist dann das Zeichen für eine schwere Arthrose mit einem starken Gelenkabrieb.
Daneben können natürlich Rheuma und Arthritis ebenso am Kiefergelenk auftreten.
Diagnostik:
Klinische Funktionsanalyse, Rö-Diagnostik inkl. CT, ggf. Kiefergelenks-MRT, wenn möglich Arthroskopie
Behandlungskonzept:
Einleitung einer Aufbissschienentherapie (DROS®-Schiene)und physikalischer Therapie mit Entspannungsübungen zur Reduzierung der Muskelverspannungen und Schmerzen. Diese Schiene, keineswegs mit herkömmlichen Schutzschienen vergleichbar, hat ihren Namen über ihre Funktion erhalten - Diagnostische-, Relaxierungs- Orientierungs- und Stabilisierungsschiene.
Des Weiteren injizieren wir Hyaluronsäure in den Gelenkraum zur Aufbesserung der Gelenkschmiere. Diese wird wieder zähflüssiger und kann ihre schmierende und schützende Wirkung besser erfüllen. Der Gelenkknorpel wird durch die Hyaluronsäureschicht entlastet, die Gelenkbeweglichkeit wird besser und die Schmerzen gehen zurück. Die Injektionen werden 4 – 6 mal in Abstand von 4 Wochen durchgeführt. Natürlich wird eine medikamentöse Schmerztherapie zusätzlich durchgeführt
Bei ausgeprägten Dauerbeschwerden und keiner Besserung unter o. g. Therapie wird die Gelenkkammer chirurgisch verbreitet und als Zwischenpolster regionaler Muskel (M. temporalis) zwischen Gelenkpfanne und neumodellierten Gelenkköpfchen platziert.