Kinnkorrekturen
Definition:
Die Fehlbisschirurgie hat das Ziel einer optimalen Stellung der Zähne und deren knöcherner Basis. Während die meisten Fehlbisse im Wachstumsalter kieferorthopädisch behandelt werden können, müssen ausgeprägte Fehlbisse nach Abschluss des Wachstums operativ korrigiert werden. Die Fehlstellungen der knöchernen Kieferbasen können alle drei Dimensionen betreffen: die sagittale Dimension (Vorbiss, Rückbiss), die transversale Dimension (Kreuzbiss, Scherenbiss) und die vertikale Dimension (offener Biss, tiefer Biss).
Indikation:
Ein Fehlbiss kann zu vielen medizinischen Problemen führen: z.B. Schäden an Zähnen und Zahnhalteapparat, Kiefergelenksschäden, Sprachstörungen, Einschränkung der Kaufunktion und Mundatmung mit deren Folgen (Zahnfleischentzündung, Karies, gehäufte Infekte). Große Abweichungen der Kiefer und der Zähne von einer normalen Stellung führen zudem auch zu ästhetischen Beeinträchtigungen. Sämtliche Fehlbisse, die rein kieferorthopädisch nicht, nicht stabil oder ästhetisch nicht vertretbar behandelt werden können sollten einer kombinierten kieferorthopädisch-kieferchiurgischen Behandlung zugeführt werden. Auch bei Vorhandensein von Zahnersatz empfiehlt sich in vielen Fällen eine chirurgische Korrektur der Kiefer mit nachfolgender Neuanfertigung des Zahnersatzes aufgrund der oben angeführten möglichen Folgeschäden. Der günstigste Zeitpunkt für die Behandlung ist kurz nach Abschluss des Wachstums. Auch bei schon vorhandenen Folgeschäden (z. B. Kiefergelenksarthrose) ist eine Therapie sinnvoll, um ein Fortschreiten zu verhindern.
Methoden:
1. Chirurgische Eingriffe am Oberkiefer
Vollständige Verlagerung des Oberkiefers (Le Fort I Osteotomie)
Bei der Le Fort I Osteotomie wird der Oberkiefer oberhalb der Zahnwurzeln getrennt und kann in allen drei Dimensionen verlagert werden. Bei großen Verlagerungsstrecken kann es erforderlich werden, ein Knochentransplantat (z.B. aus dem Beckenkamm) einzubringen, um ein Festwachsen des Kiefers in der neuen Stellung zu sichern. Bei sehr großen Vorverlagerungen kommt hier die Technik der Distraktionsosteogenese zum Einsatz. Mit Apparaten, die versteckt in der Kieferhöhle liegen, sogenannten Distraktoren wird hierbei der noch weiche, neu gebildete Knochen Stück für Stück gedehnt, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist. Hierdurch können größere Strecken überwunden werden als mit den konventionellen Techniken. Zur Einstellung eines perfekten Bisses, ist es häufig notwendig, den Oberkiefer in zwei oder mehr Segmenten zu verlagern. Um Zahnschäden bei der Teilung des Oberkiefers in der Zahnreihe zu vermeiden, werden die Zahnwurzeln vorher an den vorgesehenen Trennungsstellen kieferorthopädisch auseinanderbewegt.
Verlagerung von Teilen des Oberkiefers (Segmentosteotomie)
Die moderne Kieferorthopädie hat die Segmentosteotomien zum größten Teil verdrängt. In einzelnen Fällen ist es jedoch sinnvoll, dieses Verfahren einzusetzen, um eine Verlagerung des gesamten Oberkiefers zu vermeiden. In der Regel wird das Frontzahnsegment von Eckzahn zu Eckzahn oder von seitlichem Schneidezahn zu seitlichem Schneidezahn korrigiert. Entsprechend der mehrteiligen Verlagerung des gesamten Oberkiefers sollten die Zahnwurzeln vorher an den vorgesehenen Trennungsstellen kieferorthopädisch auseinanderbewegt werden, um Zahnschäden zu vermeiden. Auch die Segmentosteotomie des Frontzahnsegmentes kann bei großen Verlagerungsstrecken mit dem Distraktionsverfahren erfolgen.
Verbreiterung des Oberkiefers (transversale Oberkieferdistraktion, chirurgisch assistierte Gaumennahterweiterung)
Die transversale Oberkieferdistraktion ist eines der am häufigsten angewendeten Verfahren in der Fehlbisschirurgie. Sie wird in der Regel bei ein- oder beidseitigen Kreuzbissen sowie bei ausgeprägten Engständen eingesetzt. Der Oberkiefer wird hierbei am Gaumen auf beiden Seiten der Nasenscheidewand, zwischen den mittleren Schneidezähnen, oberhalb der Zahnwurzeln und am hinteren Ende getrennt. Mit Hilfe von zahngetragenen Apparaturen (z.B. Hyraxschraube) oder knochenverankerten Distraktoren kann der Oberkiefer im Sinne der Distraktionsosteogenese entsprechend der kieferorthopädischen Planung fast beliebig verbreitert werden. Um ein stabiles Ergebnis zu erzielen, sollte die Dehnapparatur für sechs Monate belassen werden.
2. Chirurgische Eingriffe am Unterkiefer
Verlagerung des gesamten Unterkiefers (sagittale Spaltung)
Die Verlagerung des Unterkiefers nach Durchtrennung hinter der Zahnreihe ist das häufigste Operationsverfahren der Fehlbisschirurgie. Mit dem selben Verfahren kann der Unterkiefer verlängert (Klasse II) oder verkleinert (Klasse III) zur Mitte verlagert (Laterognathie) oder geradegestellt (Gesichtsasymmetrie) werden. Der Unterkiefer wird hierbei in zwei großflächige Lamellen getrennt, die gegeneinander verschoben und mit Platten und Schrauben aus Titan in der neuen Stellung fixiert werden. Bei der Operation muss besonders auf den Unterkiefernerv (N. alveolaris inferior) geachtet werden, der Zähne und Unterlippe mit Gefühl versorgt. Dieser läuft in der Regel zwischen den beiden Lamellen. Bei einem Verlauf im seitlichen Anteil wird er mit dem gewebeschonenden Ultraschallverfahren (Piezosurgery) aus dem Knochen gelöst. Ein Taubheitsgefühl der Unterlippe ist für einige Zeit nach dem Eingriff normal.
Verlagerung des gesamten Unterkiefers durch Distraktion
Bei sehr großen Vorverlagerungen, bereits vorliegenden Kiefergelenksschäden oder geplanten Verlängerungen des aufsteigenden Unterkieferastes kommt das Distraktionsverfahren zum Einsatz. Nach einer Durchtrennung des Unterkieferknochens, hier jedoch ohne lamelläre Spaltung, kann der gesamte Unterkiefer mit unterschiedlichen Distraktoren in vertikaler Richtung (aufsteigender Unterkieferast) oder in horizontaler Richtung verlagert werden. Der Distraktor, der von außen nicht zu sehen ist, sollte auch hier für mindestens sechs Monate belassen werden.
Verlagerung des Frontzahnsegmentes
Im Falle einer ausgeprägten Fehlstellungen der Unterkieferfrontzähne kann eine Neupositionierung des Frontzahnsegmentes anstatt einer Verlagerung des gesamten Unterkiefers oder zusätzlich zu dieser notwendig sein. Bei großen Verlagerungsstrecken kommt auch hier das Distraktionsverfahren zum Einsatz. In vielen Fällen wird diese Technik durch eine Kinnverlagerung ergänzt.
Verbreiterung des Unterkiefers (mediane Unterkieferdistraktion)
Ein sehr häufiges Problem in der Behandlung von Fehlbissen ist der Engstand der Unterkieferschneidezähne aufgrund eines Platzmangels. Die Extraktion von Zähnen gehört zu den gängigen Therapien in diesen Fällen. Eine Alternative stellt die mediane Unterkieferdistraktion dar. Nach Durchtrennung des Unterkiefers zwischen zwei Schneidezähnen kann der Unterkiefer durch einen Distraktor um den benötigten Betrag verbreitert werden. Vorteile dieser Methode sind die exakte Anpassung an den wirklichen Platzbedarf und die Vermeidung einer Extraktion gesunder Zähne.
Alle o. g. Eingriffe erfolgen in der Regel in Vollnarkose im Rahmen eines stationären Aufenthaltes.
Behandlungsablauf:
Die chirurgische Behandlung von ausgeprägten Fehlbissen wird in der Regel in enger Zusammenarbeit mit Kieferorthopäden durchgeführt. Vor Behandlungsbeginn sollte genau geplant werden, welche Behandlungsschritte kieferorthopädisch und welche chirurgisch zu erfolgen haben. In den meisten Fällen wird zunächst eine Ausformung der Zahnbögen mit Multiband (feste Spange) durchgeführt. Danach erfolgt die chirurgische Korrektur eines oder beider Kiefer. Diese wird anhand von klinischen Messungen, Gipsmodellen, Röntgenbildern und standardisierten Fotografien mit Hilfe von Computerprogrammen exakt geplant. Eine besondere Berücksichtigung erfährt dabei die Kiefergelenksposition. Diese wird mit speziellen Röntgenaufnahmen vor der Operation überprüft, um eine falsche Position bei der Kieferverlagerung zu vermeiden. Bei besonders schweren Fehlbissen ist in einigen Fällen ein zweizeitiges Vorgehen notwendig. In einem ersten Schritt werden Ober- und/oder Unterkiefer mit Hilfe der sogenannten Distraktionsosteogenese verbreitert bzw. verlängert. Ca. ein Jahr später erfolgt dann die endgültige Korrektur des Fehlbisses. Hierbei werden in vielen Fällen simultan Kinnkorrekturen und Jochbeinkorrekturen durchgeführt, um nicht nur einen perfekten Biss, sondern auch ein harmonisches Profil zu erzielen. Nach diesem Eingriff wird vom Kieferorthopäden noch eine Feineinstellung der Zähne durchgeführt. Ein Jahr nach der Kieferkorrektur werden die Titanplatten und –schrauben, mit denen die Kiefer in der neuen Stellung befestigt wurden, entfernt. Bei diesem Eingriff können auf Wunsch des Patienten zusätzliche ästhetische Korrekturen (z.B. Nasenkorrektur, Eigenfetteinspritzung) erfolgen.
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